Was lest ihr sonst noch?

Was lest ihr sonst noch?

Eine Graphic Novel, die Unsichtbares festhält: Keaton Hensons "Gloaming"

 

Der Musiker, Zeichner und Dichter Keaton Henson zeigt uns eine Welt, die fremd und bizarr ist, sich aber gleich um die Ecke, knapp außerhalb unseres Blickfeldes befinden könnte. Wie viele Menschen hat er seine Kindheit in der Vorstadt verbracht und sich die Monster oder übersinnlichen Wesen vorgestellt, die diese Welt bevölkern. In der Graphic Novel sind sie nun in verträumten Schwarz-Weiß-Bildern ohne Worte festgehalten.

Oft wirken sie unheimlich, manchmal ein etwas ungeschlacht, haben gleichzeitig aber eine eigene Schönheit und Sanftheit. Sie sehen ein wenig traurig und einsam aus, auch wenn mehrere von ihnen auf einem Bild zu sehen sind. Viele scheinen die Nähe von Menschen zu suchen, können aber keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen – hier wird die Fantasie der Lesenden und Sehenden angeregt, was vielleicht passieren könnte und was die gezeichneten Wesen gerade fühlen. Was mir beim Anschauen in den Sinn kam: wie unterschiedlich die Fantasie der Menschen doch ist. Tolkien etwa, der einen Teil seiner Jugend in einer wenig inspirierenden städtischen Umgebung verbrachte und die Veränderung der Landschaft durch den Menschen stets als großes Übel empfand, schuf eine gewaltige Gegenwelt, in die er seine phantastischen Wesen versetzte. Henson bleibt in der Welt, die ihn umgibt und lässt seine Kreaturen dort umherstreifen; gleichzeitig erhält die unpersönliche, beliebig wirkende Welt dadurch Geschichten und wird magisch gemacht.

Die Ausgabe im Luftschacht Verlag ist sehr hochwertig gestaltet, mit innen und außen bedrucktem Schutzumschlag, der gemeinsam mit dem Buchcover den Eingang zu Hensons Geschichten bildet. Die zeichnerische Umsetzung wirkt ebenso eindringlich; der Künstler arbeitet teils mit Schraffuren, teils mit starken Schwarz-Weiß-Kontrasten, oft auch mit ungewöhnlichen Ausschnitten und Blickwinkeln. Sowohl die Landschaft als auch die Körper seiner Wesen sind sehr ausdrucksstark, und beide verschmelzen zum Teil miteinander. Gesichter und Mimik spielen in der Darstellung keine Rolle, aber die Körper sprechen für sich. Jedes Bild könnte als Geschichte oder auch als Kunstwerk für sich allein stehen, und diese „Vereinzelung“ ist wahrscheinlich auch Hensons Absicht. 

Vielleicht eine Inspiration, wenn wir das nächste Mal bei Abenddämmerung aus dem Fenster schauen?

Autor: Miriam "Nessa" Mairgünther

Bilder: (c) by Keaton Henson 

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